"Da der Naturschutz in großen Teilen der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet und sogar auf Ablehnung stößt, spielt er zwangsläufig auch in der Arbeit der erfolgreichen politischen Parteien kaum eine Rolle und deren Naturschutzpolitiker sind in erster Linie Naturschutzverhinderer.“
Diese von vielen Naturschützern aus der Erfahrung abgeleitete Beurteilung trifft mit Sicherheit nicht auf den CDU-Politiker Mannsfeld zu, der hier ein Buch vorlegt, das seine große naturschutzpolitische und naturschutzfachliche Kompetenz erkennen lässt und sein mit persönlichem Einsatz verbundenes Ringen um naturschutzfreundliche Lösungen in einem weitgehend naturschutzfeindlichen politischen Umfeld belegt. Dieses Buch zu lesen ist jedem am Naturschutz Interessierten dringend zu empfehlen, denn es ist nicht nur sehr informativ und spannend sondern hat auch Seltenheitswert. Werden doch anspruchsvolle Veröffentlichungen über Naturschutz meist von Fachleuten geschrieben, die großen Abstand zu politischen Entscheidungsprozessen haben und in aller Regel die unbefriedigenden Ergebnisse der Naturschutzpolitik beklagen, ohne deren Mechanismen wirklich zu kennen oder gar zu verstehen. Dieses Buch ermöglicht dem Leser Einblicke auch hinter die politischen Kulissen, die allerdings sehr ernüchternd wirken, weil sie die großen Schwierigkeiten zeigen, mit denen die Naturschutzvertreter (aller politischer Parteien) zu kämpfen haben.
Professor Karl Mannsfeld, der als studierter Geograph und Spezialist in Landschaftslehre und Geoökologie die fachlichen Grundlagen des Naturschutzes kennt, benennt in seinem Buch ganz klar die gravierenden aktuellen Naturschutzprobleme, insbesondere die massiv voranschreitende Versiegelung, Zersiedlung und ökologische Zerschneidung der Landschaft, die weitgehend zu intensiv betriebene Landwirtschaft, die Vernichtung letzter naturnaher Landschaftsbereiche durch Tourismus und Freizeitindustrie und den Verfall der Kulturbiotope. Und er nennt die wichtigsten Instrumente, die der moderne Naturschutz zur Lösung dieser Probleme also zur Bewahrung unseres Naturerbes bereithält: Stärkung des Biotopverbundes – unter anderem mit Hilfe von Rückbau- und Wiederherstellungsmaßnahmen, verstärktes Zulassen von Naturentwicklungsprozessen (Prozessschutz), wozu ausreichend große Schutzgebiete erforderlich sind, geeignete Extensivierungsmaßnahmen in der Land- und Forstwirtschaft und vieles mehr, wobei jedoch die klassischen Naturschutzinstrumente wie etwa die Pflege bestimmter Biotope oder der Artenschutz nicht vernachlässigt werden dürfen. Das Buch ist nicht nach naturschutzfachlichen Kriterien strukturiert sondern beschreibt nach einer kurzen Darstellung der Geschichte der etwa ein Jahrhundert alten nichtstaatlichen Naturschutzbewegung und des etwa genau so alten administrativen Naturschutzes das politische Ringen um Fortschritte in der sächsischen Naturschutzpolitik wie es der Autor im Sächsischen Landtag hautnah miterlebt hat. Es ist bemerkenswert und auch bewunderungswert, wie offen Mannsfeld nicht nur über seine Erfolge in diesem Ringen berichtet sondern auch über zahlreiche schmerzliche Niederlagen und, dass er negative Vorkommnisse benennt, die zum Teil eigentlich von den Staatsanwälten hätten aufgegriffen werden müssen.
Naturzerstörung durch den Menschen gibt es schon seit Jahrtausenden. Aber erst als diese Zerstörungsprozesse in der Gründerzeit so intensiv voranschritten, dass sie in der kurzen Zeitspanne einer einzigen menschlichen Generation zu spürbaren und schmerzlichen Verarmungserscheinungen führten, begannen zunächst private und dann auch staatliche Gegeninitiativen. Mannsfeld erinnert daran und würdigt, dass die Naturschutzverbände und – besonders auch in Sachsen – der ehrenamtliche Naturschutzdienst seit jeher bedeutsame Säulen des Naturschutzes sind. Er weist auch darauf hin, dass die heute in Sachsen gegebene Anbindung des staatlichen Naturschutzes an das Ministerium, das gleichzeitig für Landwirtschaft und Forst zuständig ist, keine gute Lösung darstellt, denn jede Anbindung an einen Wirtschaftszweig – besonders die landnutzenden Zweige – kann keine völlige Unabhängigkeit und Objektivität gegenüber Naturschutzbelangen ergeben. Interessanterweise war der Naturschutz im Königreich Sachsen wie auch im Sachsen der Weimarer Republik noch beim Finanzministerium angesiedelt, das beispielsweise die Naturschutzgebiete Mothäuser Heide (1911) und Pillnitzer Elbinsel (1924) ausgewiesen hat.
Ausgerechnet Sachsens ältestes Naturschutzgebiet, die Mothäuser Heide, ist von einem skandalösen Scheitern der Naturschutzpolitik in Sachsen betroffen, das der Autor offen darstellt. Leider handelt es sich dabei nicht etwa nur um eine Panne sondern um eine grundsätzliche Schieflage in der sächsischen Naturschutzpolitik: unser Freistaat hätte die folgenschwere Privatisierung dieses NSGs und seiner Umgebung spätestens dann auf juristisch sauberem Weg (sein Vorkaufsrecht wahrnehmend) rückgängig machen können, als es weiterverkauft wurde, was er leider nicht tat. Jetzt soll dieses Vorkaufsrecht sogar ganz abgeschafft werden! In der Beurteilung dieses und vieler (jedoch nicht aller!) anderer naturschutzpolitischer Probleme deckt sich die Auffassung des Autors mit der der meisten Naturschützer und insbesondere mit der des NABU Sachsen. Ein aktuelles Beispiel sind die Vorgänge um Sachsens größtes Naturschutzgebiet, den ehemaligen Truppenübungsplatz Königsbrücker Heide. Zusammen mit dem ehrenamtlichen Bezirksnaturschutzbeauftragten Heinz Kubasch und zahlreichen anderen Naturschützern hat Karl Mannsfeld in jahrelangen, mit Rückschlägen verbundenen Bemühungen erreicht, dass jetzt endlich die hier vorgesehene, für ganz Deutschland beispielgebende Kombination von Prozessschutz und gelenkter Sukzession verwirklicht werden kann. Möglich wurde dieser Erfolg letztendlich nur, weil Umweltminister Tillich seiner naturschutzpolitischen Verantwortung nachgekommen ist und die Privatisierung des Gebietes rückgängig gemacht hat. Ein dabei noch zu bewältigender Wermutstropfen ist, dass dieses völlig nutzungsfreie Naturschutzgebiet nun dem Staatsbetrieb Sachsenforst also einem Wirtschaftsbetrieb zugeordnet wurde, wodurch Reibungsverluste vorprogrammiert sind. Interessant ist die Frage, wie die Gesamtbilanz des CDU-Politikers Mannsfeld für die Entwicklung des Naturschutzes in Sachsen seit 1990 ausfällt, dessen Partei seit dem Untergang der DDR hier Regierungsverantwortung trägt. Auf Seite 11 des Buches lesen wir, dass diese Entwicklung außerordentlich positiv beurteilt werden könne, und auf Seite 150 – immerhin in abgeschwächter Form – „grundsätzlich positiv und damit zufrieden stellend“ sei. Dem werden wohl viele Kenner und auch viele Leser dieses Buches nicht zustimmen können, denn der Autor beschreibt ja unverblümt und realistisch, wie es wirklich um unser Naturerbe und seine gegenwärtige Entwicklung aussieht: positiven Einzelbeispielen (Luchs, Wolf, Lachs, ...) steht eine durchaus als negativ zu bezeichnende Gesamtentwicklung gegenüber, die der Autor auch einräumt (S.155:) Sicherlich ist der Naturschutz in Sachsen noch keine Erfolgsstory, (S187:) ...wirken wir den nicht zu übersehenden nachteiligen Erscheinungen entgegen ( Ausräumung, Monotonisierung, Zerschneidung, Chemisierung, Artenschwund...). Klar dürfte jedoch sein, dass es ohne den unermüdlichen Einsatz von Naturschutzpolitikern wie Karl Mannsfeld schlimmer aussehen würde, und wir hoffen, dass sein Buch dazu beiträgt, in der Öffentlichkeit und der Politik wachsendes Interesse an unserem Naturerbe und an der dringenden Notwendigkeit, es zu bewahren, geweckt wird.