Die 3 Säulen der Stiftung

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Laudatio

Laudatio auf Günter Pfeifer - Thomas Sieverts

Das Kuratorium hat Günter Pfeifer den Gottfried Semper Architekturpreis 2009 einstimmig zuerkannt. Sein gebautes Werk und die diesem Werk zugrunde liegenden Gedanken entsprechen in geradezu idealer Weise den Kriterien und Zielsetzungen des Preises, mit dem eine deutsche Architektenpersönlichkeit gewürdigt wird, „deren Werk sich durch besondere Qualitäten nachhaltigen Bauens auszeichnet. Bei der Beurteilung werden daher insbesondere Aspekte der Architekturqualität, der städtebaulichen Einbindung, des Landschaftsbezuges sowie des klima-, ressourcen- und flächenschonenden Bauens berücksichtigt.“ Gerade die letztgenannten drei Aspekte zeichnen Pfeifers Werk in besonderem Maße aus. Außerdem gehört er als ein seine Arbeit ständig reflektierender Architekt zu den wenigen Kollegen, deren Sprache ebenso präzise ist wie ihre Bauten. Deswegen kann Günter Pfeifer sein Werk viel besser vorstellen, als ich das könnte. So will ich mich darauf beschränken, die Persönlichkeit und das Werk Günter Pfeifers ein wenig einzuordnen in unsere Zeit.
Die Architektur unserer Zeit ist gekennzeichnet durch unzählige geistige Strömungen, die freilich, kaum hervorgetreten, meist schon wieder am Vertrocknen sind. Ihre Quellen erweisen sich als nicht nachhaltig! In dem vielfältigen Eklektizismus, in dem auch wieder Elemente eines neuen Historismus stecken, scheint unsere Zeit durchaus ähnlich der geistigen Situation in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Freilich ist die Qualität des neuen Eklektizismus und des neuen Historismus im Allgemeinen nicht zu vergleichen mit der Intensität und Qualität der Auseinandersetzung zur Zeit Gottfried Sempers. Mit Semper verbindet Günter Pfeifer die unablässige Suche nach den Ursprüngen, nach den Quellen, nach den Archetypen der Architektur. Ich glaube, die beiden hätten sich manches zu sagen gehabt! In der gegenwärtigen Situation lassen sich dennoch einige etwas stabilere Strömungen erkennen: die Historisten mit ihrem Rückgriff auf langbewährte Formen und Räume, die Öko-Technizisten mit einer Architektur der Sonnenenergie und nicht zuletzt die Erfinder origineller Formen, die sich von aller Tradition abzusetzen suchen.
In meinem Metier, dem Städtebau, kann man gegenwärtig drei Grundformen des Städtischen erkennen: die Stadt als Architektur, die Stadt als Garten und die Stadt als Maschine. Keine von den Architekturströmungen und keine von den Grundformen des Städtischen bemühen sich jedoch um grundlegende Antworten auf die fundamentale Frage: Wie müssen Architektur und Städtebau unter den Bedingungen radikal verminderten materiellen Wohlstands und einer radikal veränderten Energiesituation aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage leistet Günter Pfeifer einen wichtigen Beitrag.
Günter Pfeifer wurde 1943 in Schopfheim, einer Kleinstadt im Südschwarzwald, geboren. An der Staatlichen Werkkunstschule in Kassel studierte er Architektur von 1963 bis 1967. Nach verschiedenen Anstellungen in Architekturbüros wurde er 1972 Partner im Büro Wilhelm & Partner in Lörrach. Dort machte er sich 1975 selbständig und gründete sein eigenes Architekturbüro. Holzhäuser, die ab 1972 entstanden, wurden bald darauf in der Fachpresse publiziert. Günter Pfeifers Œuvre umfasst mittlerweile über 80 Bauten für private und öffentliche Auftraggeber, für die er fast 60 Auszeichnungen erhielt, darunter den Honor Award (American Institute of Architects), zweimal eine Anerkennung zum Deutschen Architekturpreis sowie insgesamt achtmal den Hugo-Häring-Preis. Architekturwettbewerben hat er sich immer gestellt. In mehr als 160 Verfahren war er bislang sechzigmal erfolgreich, davon vierzehnmal mit dem ersten Preis. Im Jahre 1992 wurde Günter Pfeifer als ordentlicher Professor für Entwerfen und Hochbaukonstruktion an die Technische Universität Darmstadt berufen. Dekan der Fakultät war er von 1996 bis 1998. Im Jahre 2001 wechselte er auf das Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau. Seine Lehrverpflichtung wurde bis Oktober 2011 verlängert. Zahlreiche Fachbücher – unter anderem „Der Neue Holzbau“, „Mauerwerksatlas, Sichtbeton“ sowie „Wohnungsbau-Typologie“-Bände (insgesamt 30 Titel) und zusätzlich fremdsprachige Ausgaben – sind seit 1997 in verschiedenen Verlagen erschienen.
Günter Pfeifer hat in seinen jungen Jahren als örtlicher Ausführungsarchitekt in Weil am Rhein, bei der Fa. Vitra, für so unterschiedliche Architektenstars wie Tadeo Ando, Frank Gehry, Zaha Hadid und Alvaro Siza gearbeitet. Unter der Bezeichnung „Ausführungsarchitekt“ darf man sich nun keinen „Erfüllungsgehilfen“ der großen Meister vorstellen. Günter Pfeifer hat zum Beispiel der Architektin Zaha Hadid für ihr erstes realisiertes Bauwerk das Bauen und Konstruieren „beigebracht“, war also vielleicht eher „Geburtshelfer“ als „Gehilfe“. Auch Frank Gehry war beeindruckt, dass die Mitwirkung von Günter Pfeifer zu einer konstruktiven und materiellen Qualität seines Gebäudes geführt hat, die er in den USA nicht gewohnt war. Günter Pfeifer: „Er war tief beeindruckt von der Wahrhaftigkeit des Materials und der Sorgfalt der Detailarbeit. In Amerika sind das immer diese zusammengezimmerten Blechbuden und hier hat er dicke Wände und Beton erhalten.“ Dem Bauwerk von Tadeo Ando hat er mit einer bauphysikalisch einwandfreien Beton-Doppelschalen-Wand die konstruktive Klarheit gegeben, die der Form Substanz und Tiefe verleihen. Auf diese Weise lernte er einige zeitgenössisch wichtige Architekturströmungen von Grund auf kennen. Diese Erfahrungen haben sein skeptisches Verhältnis zu bestimmten Strömungen mitbestimmt. Ich bin überzeugt davon, dass in der Entwicklung des Werkes von Günter Pfeifer seine Erfahrungen als Geburtshelfer und Ausführungsarchitekt der berühmten Architekten von Einfluss waren, wenn auch eher in der Form von Distanzierung. Auf ihn persönlich und auf seine Arbeit hat die enge Zusammenarbeit mit den weltberühmten Kollegen überhaupt nicht „abgefärbt“. Günter Pfeifer lässt sich keiner Strömungen zurechnen, er entzieht sich mit seinem Werk einer einfachen Zuordnung. Er gehört als Persönlichkeit – in der Begrifflichkeit von David Riesmann – zu den „innengeleiteten Persönlichkeiten“, die, unabhängig von äußeren Einflüssen, ihrem inneren geistigen „Kreiselkompass“ folgen.
Günter Pfeifer bemüht sich seit Jahrzehnten, seit den Anfängen seiner beruflichen Tätigkeit, um eine Grundlegung des Bauens, die die Erfahrungen mit ganz unterschiedlichen regional und historisch verankerten Haustypen – die er zum Teil mit seinen Studenten auf Exkursionen an Ort und Stelle untersucht hat – ebenso einbezieht wie die neuesten Erkenntnisse der Materialkunde und neue Methoden der Bauphysik. Die Potenziale dichter städtebaulicher Packungen untersucht er mit seinen Studenten ebenso wie die Wirkung von Pflanzen auf das Raumklima. Immer aber geht es um einfache, sinnlich erfassbare und atmosphärereiche Bauwerke von einer Eigenart und Schönheit, die in die natürliche und kulturelle Umgebung eingebettet sind. Dabei entsteht eine Architektursprache, die in sich autonom, poetisch und autark ist und sich gerade dadurch auch robust im gesellschaftlichen Zusammenhang bewährt: Es geht dieser Architektur nicht um äußerliche Anpassbarkeit, sondern um ein stabiles Zusammenpassen von Raum und Gesellschaft auf Grund des genauen Eingehens auf Elemente stabiler, sinnlicher und gesellschaftlicher Urbedürfnisse und aufgrund einer Nutzungsneutralität der Räume, die den Individuen ihre Freiheit lässt. Ich zitiere aus seinem Erläuterungsbericht für das Altenheim Senioren-Dienstleistungszentrum Lich, das unter anderem mit dem Bauherrenpreis 2007 ausgezeichnet wurde: „Qualität für das Wohnen im ‚dritten Leben’ bedeutet neben allen funktionalen Anforderungen in erster Linie die Wahrnehmbarkeit emotionaler Erinnerungen und neuer Beheimatung. Das setzt voraus, dass imaginative Erinnerungsmuster unmittelbar ins Bewusstsein gelangen können. Das auf das ‚In-der-Welt-sein’ Reduzierte entwickelt ein verändertes Wahrnehmen von Licht und Schatten, von Wärme und Kälte, Weichheit und Festigkeit, Trockenheit und Nässe. Was kann Architektur dazu noch leisten? – Das kleine Refugium der eigenen vier Wände als kleines eigenes Haus zu empfinden, das die Jahreszeiten in den Raum lockt. Die wenigen Wege in vertrauten Abmessungen, mit Details, die im alltäglichen Wohnen eingelagert sind. Die Nachbarschaften, sichtbar und überschaubar, werden Teil des architektonischen Konzepts, das sich damit nur spröde umreißen lässt. […] Das Überflüssige wurde abgegeben, die Welt ist kleiner geworden, die Zeit wird größer. Das Erfahrbar-Werden der Zeitlichkeit wird zum architektonischen Konzept. Mit der scheinbaren Verkleinerung dieser Welt ist eine andere Dimension von Raum und Zeit entstanden. Eine spezielle, spürbare Art der Verwurzelung: Das ‚Zu-Hause-Sein’ wird zum wahrnehmbaren ‚In-der-Welt-Sein’.“
Mit der Disziplin seiner geistigen Arbeit trägt Günter Pfeifer zur notwendigen Reinigung der Quellen unseres Metiers entscheidend bei, und deshalb sehe ich ihn in der Tradition der frühen Moderne, freilich ohne deren Ideologie des Funktionalismus verpflichtet zu sein. Das zeigt sich auch in seiner Auffassung von Lehre. Ich behaupte, dass er dem Ideal vom Professor im Humboldt’schen Sinne entspricht und Forschung, Lehre und Praxis wirklich untrennbar miteinander verbindet. Das systematische Lehrgebäude entspricht seiner eigenen Arbeitsweise. Es geht um das unablässige Bemühen um Archetypen der Architektur, entwickelt aus den Erfahrungen mit autochthonen Gebäudetypen, dem Ort, den klimatischen Bedingungen, dem Baumaterial und den Grundformen des Zusammenlebens. Mit dieser konsequenten Haltung hat er schon viele Jahrgänge angehender Architekten nachhaltig und erfolgreich geprägt und ihr Immunsystem gegen oberflächliche Moden gestärkt.